Das Korporationshaus Lübeck

- Chronik der Entstehung eines ungewöhnlichen Studentenwohnheims -

Obwohl es an der Fachhochschule Lübeck vier Studentenverbindungen gibt, hatte keiner dieser Bünde jemals eine feste Unterkunft. Die Veranstaltungen fanden in verschiedenen Gastwirtschaften, den sogenannten Konstanten statt. Auf dem Jahresconvent am 10. Okt. 1992 beschloss daher die Burschenschaft Berolina den Erwerb einer eigenen Konstante, gegebenenfalls mit Studentenwohnungen.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass sich schon ein gutes Vierteljahr später die Ereignisse überschlagen sollten, nachdem der Vorstand der Berolina bei seinen Mitgliedern schon 16.000 DM einwerben konnte. Im Januar 1993 bekam der Lübecker Architekt Arnold Falk, Mitglied der Berolina, von der Lübecker Drägerwerk AG ein Gebäude zur Veräusserung angeboten. Es handelte sich hierbei um ein Gebäude aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, das ursprünglich als Lager- und Verwaltungsgebäude zum Ausbesserungswerk Lübeck-Genin der Lübeck-Büchener Eisenbahn (später Deutsche Reichsbahn) gehörte. Nach Stillegung des Ausbesserungswerkes nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude in den folgenden Jahren von verschiedenen Inhabern genutzt, bis es letztlich an die Firma Dräger verkauft wurde, die es in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts als Gastarbeiterunterkunft und danach als Lager benutzte. Da für das Gebäude keine weitere Verwendung bei der Drägerwerk AG mehr bestand, sollte es jetzt verkauft werden.

Die Lage - unmittelbare Nähe zum Hochschulviertel und zu einer um dieses Viertel geplanten Süd-West-Umgehung - sowie Bauweise, Bausubstanz und Größe des Objektes ließen den Architekten sogleich an den möglichen Umbau zu einem Studentenwohnheim denken. Warum also nicht dieses mit Hilfe der Studentenverbindungen realisieren, deren Mitgliedern sich u.a. die Unterstützung der Studenten zum Ziel gesetzt haben. Also startete er einen kurzen Rundruf mit einigen Bundesbrüdern, die zunächst zwar etwas zweifelnd ob der Realisierbarkeit, aber dennoch verhalten begeistert reagierten.

Noch im Jan. 1993 informierte der Vorstand der Berolina alle Mitglieder - allesamt ehemalige Studenten der FH Lübeck oder Mittweida - und erhielten eine spontane Spendenzusage über 100.000 DM. Obwohl es noch einige Mahner gab, die die Realisierung des Projektes für unmöglich hielten, beschlossen im Juni 1993 die Vorstände aller vier Verbindungen mit der Drägerwerk AG und den Banken in engere Verhandlungen zu treten, sowie Pläne für den Umbau zu entwickeln. Nach dem Umbau wären 27 Studentenzimmer mit eigener Nasszelle und - aufgrund der großen Raumhöhe über diese Nasszelle gelegen - Hochbett realisierbar (somit ähnliche Ausstattung wie es das ,,Maximilianeum eine königl. Stiftung“ in München bietet, in dem die geförderten ,,Einser-Abiturienten“ wohnen), pro Stock ließe sich eine Gemeinschaftsküche einrichten, ein Veranstaltungsraum von fast 90 qm nebst Küche und sanitären Einrichtungen wäre möglich, außerdem eine 3-Zimmer-Wohnung von 70 qm für eine Hausmeisterfamilie.

Nach entsprechender Beratung durch den Notar gründeten dann am 07. Jan. 1994  12 Korporierte (jeweils 4 aus Berolina, Cimbria u. Holsatia (alles ehemalige Studenten der FH Lübeck) die Korporationshaus GmbH und zeichneten für ein Gesellschaftsvermögen von 200.000 DM.

Die Possehlstiftung Lübeck konnte mit einem zinslosen Darlehen von ebenfalls 200.000 DM gewonnen werden. Die Mitglieder aller 4 Studentenverbindungen konnten als zusätzliche Geldgeber in Form von Darlehen, Kredit oder Spende begeistert werden, so dass am Ende sage und schreibe 350.000 DM als Eigenmittel bereit standen. Den Rest der Gesamtkosten von 1.65 Million Deutsche Mark wurde über Bankkredite finanziert. In den Eigenmitteln sind auch kleine Spenden der aktiven Mitgliedern - sprich Studenten -, Sammlungen auf Veranstaltungen, sowie die Haftentschädigung eines ehemaligen Mitgliedes enthalten. Haftentschädigung deshalb, weil ein inzwischen verstorbenes Mitglied der Berolina (Absolvent der FH Mittweida) nach dem Krieg in der DDR lebte und durch Intrigen 7 Jahre in Bautzen versorgt wurde. Nach der Wende wurde er rehabilitiert und bekam neben dem enteigneten Besitzes auch 13.500 DM als Haftentschädigung zugesprochen, die er für den Ausbau des Hauses spendete.

Neben der fälligen Rückzahlung der Darlehen der Possehlstiftung und der Bank verzichteten alle Gesellschafter, Darlehens- und Kreditgeber bis dato auf eine Gewinnausschüttung.

Am 1. September 1995 war der Umbau abgeschlossen und die ersten Mieter konnten einziehen. Nur vier Wochen nach der ersten Werbung für die Zimmer war das Haus bis aufs letzte Bett vermietet, so dass eine Warteliste aufgestellt werden musste. Die Burschenschaften Berolina und Obotritia unterstützen das Wohnen für ihre Mitglieder finanziell, während für die Möblierung und Ausstattung des Versammlungsraumes nochmals alle Mitglieder mithalfen und teils u. a. aus München Tische, Stühle, Besteck, Gläser und Geschirr heranschafften.

Korporativ wurde das Korporationshaus mit einem Hauseinweihungskommers am 22.09.1995 mit dem damaligen Rektor der FH, Vertreter von Banken, der Possehlstiftung, der Drägerwerk AG und einer großen Corona von Mitgliedern aller vier Studentenverbindungen in Betrieb genommen. Im Oktober 1995 feierte dann die Burschenschaft Berolina ihr l00jähriges Bestehen mit einem rauschenden Fest, in dessen Mittelpunkt selbstverständlich das Korporationshaus stand. Somit waren von der ersten Idee bis zur Realisierung weniger als drei Jahre vergangen - eine echte Ingenieurleistung. 

 

Für die Burschenschaft Berolina Mittweida zu Lübeck e.V. im MSC und in der NeuenDB

Dr. med. Thomas Hoffmann                          Dipl.-Ing. Alfred Koepke
Student Maschinenbau 1983                        Absolvent Physik. Technik 1967
Absolvent Humanmedizin 1989